Ein konzentrierter Arbeitsprozess erfasst einen Ort (Labor): Mithilfe von Kontaktmikrofonen, Aufnahme- und Effektgeräten, Tonabnehmern und Poesie wird der Raum in Sound und Sprache übersetzt bzw. aufgelöst, um eine zartere Form der Wahrnehmung zu erforschen.

 

Ergebnis: Eine Komposition/Tondichtung, eine Sound-Installation im innen- und öffentlichen Raum und ein Tonträger; dabei überwiegt: Das Uneindeutige als das Konkrete. Denn: Was identifiziert ist, ist auch bereits verschwunden. Bilder entstehen in den Zwischenräumen – ohne Absicht – nicht in Gedanken und Heimlichkeit, sondern sie kommen lassen, ohne hinzusehen, ohne hinzudenken, indem man nur die Wörter und die Bilder kommen lässt. Das Konkrete ist das, an das nicht gedacht wird.

 

Dem Prozess zugrunde liegt die Auseinandersetzung mit dem Imaginären, Symbolischen und Realen nach Jacques Lacan; der Idee des Sozialen nach Manfred Faßler; Franz Xaver Baiers Überlegungen zur Ästhetik des Lebensraumes wie auch den Anmerkungen Ingeborg Reichles und Steffen Sieges zu einer transgressiven Bildästhetik. Dabei geht es mir darum, herauszufinden, wie sich subsistierende theoretische Bausteine in eine räumlich-klangliche Praxis erweitern lassen. Wie kann ich Wissenschaft und einen konkreten Ort in Dialog bringen? Und was lässt sich daraus für unseren Alltag filtern?


Die Darstellung der Wirklichkeit hinter dem Augenschein reicht heran an die Wahrheit, die sich in einer einzigen Situation zusammenfassen lässt. Das Geheimnis versteckt sich in den Zwischenräumen. Dieser Schwebezustand zwischen dem »So ist es« und »So könnte es sein« ist die geschichtliche Möglichkeit.(2) Wunsch und Wirklichkeit werden nicht als Polaritäten verstanden, sondern als Perspektiven ein und derselben Wahrheit, wie sie sich zeigt – im Phänomen, das gemacht ist aus Subjektivem und Objektivem. Dabei stellt sich mir die Frage, wie eine Interaktion mit Phänomenen im Allgemeinen erfolgt, und ich komme nicht umhin, mich mit den Begriffen Subjekti- vität und Objektivität auseinanderzusetzen. Und es ist die Idee des Imaginären, mit dem alles beginnt.


Das Spiegelstadium – also die Entwicklungsphase des Kindes um den 6. bis 18. Lebensmonat –, innerhalb der die Entwicklung des Ichs stattfindet und die Entstehung des Selbstbewusstseins ihren Anfang nimmt, lässt sich als Identifikation begreifen – als eine beim Subjekt durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Verwandlung. Die Aufnahme seines Spiegelbildes durch ein Wesen, das noch gebunden ist in motorischer Ohnmacht und Abhängigkeit von Pflege, wird von nun an – wie es scheint – in einer exemplarischen Situation die symbolische Matrix darstellen, an der das Ich in einer ursprünglichen Form sich niederschlägt, bevor es sich objektiviert in der Dialektik der Identifikation mit dem Anderen und bevor ihm die Sprache im Allgemeinen die Funktion eines Subjektes wiedergibt. Von besonderer Wichtigkeit ist, dass diese Form vor jeder gesellschaftlichen Determinie- rung die Instanz des Ich auf einer fiktiven Linie situiert, die das Individuum allein nie mehr auslöschen kann, oder vielmehr: die nur asymptotisch das Werden des Subjekts erlangen wird, wie erfolgreich die dialektischen Synthesen auch verlaufen mögen, durch die es, als Ich, seine Nichtübereinstimmung mit der eigenen Realität überwinden muss.

Die totale Form des Körpers, mittels der das Subjekt in einer Einbildung die Reifung seiner Macht vorwegnimmt, ist ihm bloß als »Gestalt« gegeben, in einem Außerhalb, wo zwar diese Form eher bestimmend als bestimmt ist, wo sie ihm aber als Relief in Lebensgröße erscheint, das sie erstarren lässt, und einer Symmetrie unterworfen wird, die ihre Seiten verkehrt – und das im Gegensatz zu der Bewegungsfülle, mit der es sie auszustatten meint. Damit symbolisiert diese »Gestalt« durch die zwei Aspekte ihrer Erscheinungsweise die mentale Permanenz des Ich und präfiguriert gleichzeitig dessen entfremdende Bestim- mung; zu Entsprechungen führend, die das Ich vereinigen mit dem Standbild, auf das hin der Mensch sich projiziert, wie mit den Phantomen, die es beherrschen, wie auch schließlich mit dem Automaten, in dem sich, in mehrdeu- tiger Beziehung, die Welt seiner Produktion zu vollenden sucht. Diese Entwicklung wird erlebt als eine zeitliche Dialektik, welche die Bildung des Individuums entschei- dend als Geschichte projiziert: das Spiegelstadium ist ein Drama, dessen innere Spannung von der Unzulänglich- keit auf die Antizipation überspringt.


Weitere Überlegungen führen zum Begriff des Symbolischen. Lacan verweist darauf, dass sich eine der Definitionen des Wortes »Symbol« in der griechischen Sprache auf die zerbrochene Scherbe bezieht, deren Vereinigung genau das bildet, wonach wir auf der Suche sind: den relationalen Wert des Symbols. Andererseits, wenn es etwas gibt, an dem sich die schöpferische, grundlegende Funktion des Symbols zeigt, so ist das wohl das Sprechen – insofern es genau zwischen den Subjekten eine Relation herstellt und begründet, die die beiden Subjekte eben nicht so nimmt, wie sie sind, um sie zusammenzubringen. Sie konstituiert sie als Subjekte in der Relation selbst, die ihnen Zugang zu einer neuen Dimension verschafft. Während Lacan vorrangig den Austausch zwischen Subjekten meint, lässt sich der Gedanke auf die Idee einer Kommunikation zwischen Subjekt und Objekt bzw. Raum ausdehnen, – Bezug nehmend darauf, was das Sprechen in seiner symbolischen Funktion in die Welt einführt. Wir kommen also ausgehend vom Sprechen auf den Begriff der Welt zurück. Vor dem Sprechen haben wir überhaupt nichts, ist das Nichts, das Chaos – doch stehen wir nicht in Verbindung damit. Ausgehend vom Sprechen taucht etwas in der Welt auf, das neu ist und das mächtige Verwandlungen darin einführt. Nur, dass wir die Vorstellung haben, dass dieses Hin und Her, das wir in die Welt einführen, die Tat ist. Jeder kennt dieses Problem: »Im Anfang war das Wort«, doch »Im Anfang war die Tat«, und das Schwanken zwischen beidem. So ist die menschliche Tat schlechthin genau das Sprechen.


Das Sprechen hat die Funktion der Anerkennung des Subjekts durch das Subjekt wie auch des Objekts durch das Subjekt. Das Sprechen ist also Anerkennungsfunktion, und innerhalb dieser Funktion wird es tätig, um zu kategorisieren, zu polarisieren, zu ordnen. Das Sprechen fügt sich in die Dimension der Wahrheit ein, insofern die Wahrheit etwas anderes ist als die Wirklichkeit. Das Sprechen führt eine differente Dimension in die Wirklichkeit ein, nämlich die Wahrheit. Als solche führt die menschliche Funktion in die Welt eine große grundlegende Verstörung ein, die ein neues Register, eine neue Ordnung ist, – die Ordnung des Wortes und der Wahrheit –, die bis in ihr Innerstes unsere ganze Auffassung des Realen durchdringt.
Wenn der Mensch vergisst, dass er der Träger des Wortes ist, spricht er nicht mehr. Zitat Lacan: »Das ist wohl in der Tat das, was geschieht. Die Mehrzahl der Leute spricht nicht, sie wiederholen, das ist ganz und gar nicht dasselbe. Wenn der Mensch nicht mehr spricht, wird er gesprochen.«
Das Symbol existiert innerhalb seiner Welt von Symbolen. Es könnte ganz allein nicht existieren. Es gibt nicht ein Symbol. Das Symbol besteht als solches nur im Inneren eines Systems.


Das führt zu einer Beschäftigung mit dem Realen. Gemeint ist damit das Denken, das stets ausgehend von unserer Position innerhalb der symbolischen Ordnung beginnt; wir können nicht anders, als die mutmaßliche »Zeit vor dem Wort« von unserer symbolischen Ordnung aus zu betrachten und die Kategorien und Filter zu verwenden, die sie bereitstellt. Um uns eine Zeit vor den Wörtern vorzustellen, einen vorsymbolischen oder vorsprachlichen Zeitpunkt in der Entwicklung, geben wir ihr einen Namen: das Reale. Es ist eine Art von Rissen freies, undifferenziertes Gewebe, das so gebaut ist, dass es überall ausgefüllt ist und es zwischen den Fäden, die seinen »Stoff« ausmachen, keinen Raum gibt. Es ist gewissermaßen eine weiche, nahtlose Oberfläche (oder ein Raum). Die Einteilung des Realen in einzelne Zonen, bestimmte Merkmale und kontrastierende Strukturen ist Resultat der symbolischen Ordnung.
Indem es das Reale aufhebt, erschafft das Symbolische die »Realität«. – Realität verstanden als das, was durch die Sprache benannt wird und worüber sich somit nachden- ken und sprechen lässt. Die »soziale Konstruktion der Wirklichkeit« impliziert eine Welt, die mit den Wörtern der Sprache einer sozialen Gruppe (oder Untergruppe) bezeichnet und in dieser Sprache erörtert werden kann. Was in ihrer Sprache nicht gesagt werden kann, ist kein Bestandteil ihrer Wirklichkeit; es existiert streng genommen nicht.

In Lacans Terminologie ist Existenz ein Produkt der Sprache: Die Sprache verleiht den Dingen ihre Existenz (lässt sie Teil der menschlichen Realität werden); Dinge, die nicht existierten, bevor sie codiert, symbolisiert oder in Worte gefasst wurden. Das Reale existiert somit nicht, denn es geht der Sprache voraus.
Es lassen sich zwei verschiedene Ebenen des Realen postulieren: (1) ein Reales vor dem Buchstaben, das heißt ein vorsymbolisches Reales, das letzten Endes bloß eine Annahme von uns ist, und (2) ein Reales nach dem Buchstaben, das durch Sackgassen und Unmöglichkeiten, die auf die Beziehungen zwischen den Elementen der symbolischen Ordnung zurückzuführen sind, gekenn- zeichnet ist, das heißt, das durch das Symbolische erzeugt wird.


Das Lacansche Subjekt ist weder das Individuum noch das bewusste Subjekt (oder das bewusst denkende Subjekt). Dieses andere Subjekt – dieses sich äußernde Subjekt ist nun keinesfalls etwas oder jemand von dauerhafter Existenz: Es erscheint nur dann, wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet. Es ist keine zugrunde liegende Substanz oder ein Substrat. Das Subjekt ist nichts anderes als ebendiese Spaltung.
Dem Subjekt, wie Lacan es versteht, gelingt es nicht, ein Jemand, ein bestimmtes Wesen zu werden; es ist – im grundlegendsten Sinn des Wortes – nicht, es hat kein Sein. Das Subjekt existiert – insoweit das Wort es dem Nichts abgerungen hat und man von ihm sprechen oder ausführlich über es reden kann –, dennoch bleibt es ohne Sein. Der Mangel ist der erste Schritt über das Nichts hinaus.


Da es mehr um die Zustände von Welt geht, und weniger um einzelne Objekte, sind Dinge interessant, die offen sind, unfertig und ungesättigt. Im Gegenstandsbereich sind das Halbzeuge, die erst durch einen kommunikativen Prozess ihre eigentliche Form entfalten. Kommunikative Objekte gehören deshalb einer anderen Klasse von Wirklichkeit an. Sie sind nicht in einfacher Relation aufeinander bezogen, sondern verweisen auf einen Prozess, durch die Wirklichkeit um »eine Stufe wirklicher« (Peter Sloterdijk) erscheint.
Wir sind es heute immer noch gewohnt, von »dem Raum« zu sprechen. Und dann in einer Weise als wäre er ein Behältnis und der Mensch ein Körperding darin. Raum ist nicht unabhängig von Dingen und Orten. Dem Raum-Begriff geht der Ort-Begriff voraus und Raum ist nichts als eine Art Ordnung körperlicher Objekte. Wie diese Orte und diese Ordnungen zustandekommen, versuchen phänomenologische und sprach-philosophi- sche Untersuchungen zu geben. Sie füllen das Raumpro- blem mit Leben und zeigen, dass zu Raum so etwas wie Welt und Existenz gehört und dass sich erst dadurch für uns Menschen Raum ergibt. Es gibt eben keine reinen Beziehungen, sondern wir sind mittendrin in den Beziehungen, weil wir die Beziehung selbst sind (Jean-Paul Sartre). Distanz und Nähe etwa sind qualitative Größen und wir sind die Wesen, die durch die Möglich- keit des Entfernens so etwas wie Distanz oder Nähe zwischen alles bringen können. Deshalb ist Raum »weder im Subjekt, noch ist die Welt im Raum«. Vielmehr ist der Raum »in der Welt« als einer von uns ausgearbeiteten, gelebten und zu besorgenden Sinnkonstruktion (Martin Heidegger). Raum entsteht durch existentielle Beziehun- gen. Durch diese entsteht Bedeutung und Zuordnung von Dingen, Orten, Grenzen und Qualitäten. Raum ist niemals bloß formaler Bestandteil eines praktischen Projekts oder eines theoretischen Objekts, sondern er gehört zu dem Fundus der Befindlichkeit, aus dem wir ständig schöpfen.
Heidegger und Sartre haben ausführlich dargelegt, dass unser Dasein schon »weit draußen« anfängt und nicht deckungsgleich mit unserem Körper ist. Unser Körper befindet sich in unserem Dasein und nicht umgekehrt. Nur weil wir also räumlich schon immer über unsere Körpergrenzen hinaus sind, können wir etwas in der Ferne sehen und hören. Dabei sind wir jeweils bei den wahrgenommenen Sachen selbst. Wir leben primär in ausgedehnten Binnenwirklichkeiten. Das primäre Dasein also ist ein rundum tiefes und sattes Eingelassen-sein und eine Offenheit, die wie ein unsichtbares Auge Wirklichkeit aufschließt. Für diese Verfassung haben wir keinen Sinn allein. Eine Mischung. Alles andere kommt später. Parzelliert. Segmentiert. Deshalb nehmen wir beim Hören, Sehen, Tasten immer ganze »Empfindungsblöcke« wahr, die sich ausdehnen oder zusammenziehen, die quellen, wuchern, wabern, atmen, sich verzerren, aufsteigen und verschiedene Temperaturen haben, komplette Situationen also, in denen wir mit unserer ganzen Existenz beteiligt sind. Deshalb sind Farben, Gerüche und Töne immer komplette Lebensbewegun- gen, die unser Dasein öffnen oder verschließen, heben oder senken, abstumpfen oder beleben. Deshalb stecken Raum und Zeit und die Sinnlichkeit bereits in jeder Form und in jedem Teil von Wirklichkeit.
Wir können davon ausgehen, dass alles an der Wirklichkeit von Räumen beteiligt ist, und dass das Zusammenwirken verschiedener Elemente unter bestimmten Voraussetzun- gen Zustände schafft, die etwas völlig Neues erzeugen. Und das Neue erzeugt zugleich seinen eigenen Horizont und seine eigene Wirklichkeit. Damit wird endlich die von Friedrich Nietzsche und später von der Phänomenologie geforderte Einsicht klar, dass alles in den »Sachen selbst« steckt. Wir können sie entfalten und zu vorübergehenden Lebensräumen inszenieren.

Sprechen meint Ausdruck, was nicht allein Wort, sondern u.a. auch Bild oder Klang sein kann, wie bei »Phase In Returning Systems«, das sich in diesem Fall als »Noise« (Geräusch, Krach, Lärm) äußert, indem der gesamte Arbeitsprozess eine Abstraktion durchläuft; allgemein bezeichnet der Begriff ein Musik(sub)genre, das klassische Elemente der Musik wie den reinen Ton oder den Klang weitgehend bis vollständig durch Geräusche ersetzt. Damit einher geht der Verzicht auf Strukturen wie Melodien oder Rhythmus; das Projekt nimmt Anleihen an den klassischen Geräuschmusiken wie dem »Bruitismus« oder der »Musique concrète«, deren jeweiliger Ausgangspunkt echte Geräusche wie Eisenbahnen, Motorengeräusche sind, die arrangiert und häufig mit klassischen Instrumenten kombiniert werden. Ich füge weitere Klangebenen bzw. -quellen hinzu. »Phase In Returning Systems« ist die Arbeit mit abstraktem Geräusch, wobei das verwendete Instrumentarium bzw. Schallereignis in seinem typischen Klang zum Verschwin- den gebracht wird. Mittels genanntem Werkzeug wird der Raum bzw. die Objekte darin erwartungsgemäß zum Teil stark verfremdet, um damit einen Ort ungewöhnlich wahrzunehmen und den Raum gleichzeitig zu verändern, indem ein anderer Kontakt zu ihm hergestellt wird. Entscheidend dafür ist nicht nur allein eine große Freiheit hinsichtlich der Geräuscherzeugung, sondern vor allem die Möglichkeit, extrem kompakte und dichte Geräusche zu erzeugen, regelrechte »Walls of Sound«; die hervorge- brachten Geräusche ergreifen und durchwogen nicht nur das Ohr, sondern den gesamten Körper und erschüttern den Hörer/die Hörerin.


In diesem Sinne vollzieht die hier skizzierte Kompositionsweise eine Art Klangbildhauerei: Die Methode soll ungewöhnliche Hörerfahrungen bei gleichzeitiger Referenz u.a. musik- und kunstästhetische Kategorien liefern, woraus eine besondere Verarbeitung des generierten Tonmaterials folgen kann.

 


(1) Gaston Bachelard: Die Poetik des Raumes, Frankfurt/Main: S. Fischer 2014, 10. Aufl., S. 188.

(2) Ernst Fischer: Kunst und Koexistenz, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt 1966, S. 200.