Wir existieren nicht, um in Relation zu stehen, sondern vielmehr: Wir stehen in Relation, um als voll verwirklichte Menschen existieren zu können, sagst du. Wenn wir danach fragen, wo wir uns befinden, schreibt sich das Humane ein, sagst du weiter. Und wir denken nach über Begriffe: Posthumanismus, Hybrid, Mensch-Maschine-Geflecht, Virtuelle Realität und die Erweiterung des Körpers. Und wir denken lange nach, denn wir wissen: Intersubjektivität hat Objektivität als Wahrheitskriterium abgelöst, alle unsere Kategorien sind unbrauchbar geworden. Nun stellt sich die Frage nach dem Überschreiten der Welt in einem Kontext, der für das linear programmierte Bewusstsein undenkbar ist, sagst du. Es wird ersichtlich, dass ein solches Überschreiten der Welt in Wirklichkeit ein Überschreiten der Subjektivität ist.

Der Körper hat mir als Ort gedient, denke ich. Der Ort ist in dem Gegenstand und der Gegenstand ist in dem Ort. Der Ort ist innen und außen und er begleitet die Bewegung. Er ist deren Ursache und begleitet sie, in einer Ausdehnung, die ins Unbegrenzte geht. Und wir wissen, dass gesellschaftliche Verhältnisse entstehen und sich verändern, indem Raum entsteht und sich verändert. Das Städtische, zum Beispiel, ist dabei Ausdruck eines ganz spezifischen sozialen Verhältnisses: Massenmedien beherrschen unsere Szene. Banalität sucht die Wirklichkeit zu verdecken. Anders leben heißt in einer Revolution zu leben – in dem Sinn, wonach Revolutionen auf die Veränderung des Lebens abzielen. Und das bedingt einen neuen Humanismus, eine neue Praxis, einen anderen Menschen und führt zu einer urbanen Gesellschaft und einer experimentellen Utopie.

Wir sind es gewohnt Wahrnehmung als einen Akt zu begreifen, durch den etwas von draußen zu uns nach innen kommt, in uns abgebildet und gespeichert und zu einem existentiellen Drin- sein wird. Ver-stehen wird zu einem Drin-stehen in einem Zusammenhang. Wir befinden uns in einem Raum, der sich gleichzeitig erweitert, indem/in dem An-sicht zur Ein-sicht wird. Raum entsteht erst in und mit der Wahrnehmung also. Was immer wir tun, bezieht unseren gesamten Körper mit ein. Das heißt: In der Wahrnehmung beeinflussen wir immer die gesamte Wirklichkeitsverfassung. Wahrnehmung ist also eine Totaltransformation. Auch unser Körper verändert sich dabei. Die Handgreiflichkeit des Dinghaften, also das Vorhandensein materieller Anhaltspunkte, ist eine notwendige Voraussetzung des Erinnerns, sagst du.

In diesem Sinne bedeutet materielle Zerstörung von Dingen die Zerstörung von etwas, das Gedächtnis und Archiv ist und das Erinnern überhaupt erst möglich macht.
 
Wir bleiben eine Weile still.
 
Das Medium, in dem sich die Anpassung des lebendigen Prozesses in die soziale Struktur vollzieht, ist das Symbol, sagst du dann. So wird für den Menschen als animal symbolicum neben seiner Leiblichkeit seine Symbolizität zum Konstitutivum seiner Existenz. Er ist nicht nur leiblich verankert, sondern auch sozial und symbolisch eingebettet. Und das Verbindungsglied zwischen dem Organischen und Symbolischen bildet das Sinnliche, das Imaginäre. Wir, also jene Lebewesen, die Organismus heißen, sind Röhren, durch deren Öffnung die Welt hereinfließt, um durch die andere Öffnung wieder hinauszufließen.
 
(Aber) Ich kann meinen Körper in all dem nicht wiederfinden, denke ich. Denn immerfort im Zentrum irren wir mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum. Und dieser lässt sich nur mehr schwer denken, ist voll von illusionären Vorstellungen, ohne konkrete Verortung und selbst ohne Identität. Umgeben von einer unnatürlichen Umwelt leben wir als Gesellschaft im euklidischen Raum, der geschlossen, linear, statisch, abgesondert von der Welt ist, die ihn umgibt. Ähnlich wie mit Sprache, versuchen wir so die Welt zu manipulieren und zu interpretieren. Jede Technologie, jedes Artefakt stellt eine Erweiterung des menschlichen Körpers, also eine Ausdehnung der vier Fähigkeiten Sehen, Hören, Tasten und Riechen dar. Robotismus der modernen Welt also, gerade Linie oder Fläche. Dabei wird aber vergessen, dass kein geschlossener Zusammenhang in der Natur – im materiellen Raum – existiert. Die wahre Natur ist akustisch und nicht visuell. Und die Expansion der Städte wird durch neue Telekommunikationssysteme abgeschwächt, da sich im Zeitalter des akustischen Raumes überall Zentren befinden, aber keine Ränder, wodurch sich neue soziale Mentalitäten bilden. Durch das Internet bewegt man sich weder in Raum noch Zeit, sondern auf einer fließenden Benutzeroberfläche. Das Internet hat virtuelle Räume geschaffen, in denen Identitäten fiktiv und beliebig geschaffen werden können.
 
(Folgerung) Der Ort: ein Zwischenraum. Der Einbruch des Technoimaginären also. Und man kodifiziert, um eine Ordnung herzustellen, um sich mit anderen verständigen zu können. Die gegenwärtigen Kommunikationsstrukturen fördern die Errichtung einer neuartigen kodifizierten Welt, neuer menschlicher Beziehungen, eines neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft. Der Fortschritt liegt nicht im Einnehmen eines Standpunktes, sondern im zunehmenden Wechsel der Standpunkte. Aber wie verhält es sich zwischen Erkenntnis und Erlebnis des Konkreten?
Das Informationszeitalter erschuf die Welt in unseren Bildern neu, sagst du. Es vollzieht sich eine Entäußerung unseres Bewusstseins und es bleibt also für jeden Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Der reduzierte Mensch zeichnet sich vor der Zukunft als mögliches Wesen ab. Definiert als ein existierender Typus, dessen makelloses Dasein nicht auf der Entfaltung aller seiner Möglichkeiten beruht, sondern auf ihrer sehr bewußten Einschränkung. Jedes Zeitalter reduziert den Menschen auf seine Weise, wobei stets die Reduktion als das letzte Mittel der Annäherung an Realität und Idealität – des Überlebens in der Materie oder in der Idee – scheint.

Die Freiheit des Denkens neu vermessen also. Czeslaw Miloszs’ Verführtes Denken schildert den Zerfall des Selbstbewusstseins, des Denkens, der inneren Freiheit. Die Welt ist unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz und ihrer Freiheit, des Geistes und seiner Unabhängigkeit von Interesse: Ein Laboratorium für Ideen und Methoden, als eine Werkstatt für Begriffe und Worte, Stile, Werte und Idole, die ohne Rücksicht auf ihren Sinn oder ihre Verwendung hervorgebracht wurden, muss eingerichtet werden – ein Versuchsfeld, das es gestattet, die alten Ideen, Pläne, Geschöpfe, Visionen, Verfahren vital und geistig zu erproben und zum Gegenstand der Messung, des Urteils, des Dekrets zu machen. Notwendig sind regulative Ideen in materieller wie in ideeller Hinsicht und ein erweiterter – ein existentieller – Rationalismus im Gegensatz zu einem klassischen, denn je vollkommener der technische Zustand unserer Gesellschaft ist, desto stärker macht sich der technologische Charakter gewis- ser Entscheidungen über das individuelle oder gemeinschaftliche Leben innerhalb der Zivilisa- tion bemerkbar und in desto größerem Maße hängen jene Entscheidungen von Überlegungen und Einsichten ab, die man nur im Rahmen klassischer humanistischer Bildung bewältigen kann. Für diese neue Rationalität, die Mechanik und Existenz umfasst, ist das Engagement für eine synthetische Art der Bildung – einen synthetischen Bildungsbegriff also, in dem der klassisch-humanistische der Universalität und der moderne technologische des Spezialismus zusammenfließen, gefordert.
 
Wenn aber die Unvereinbarkeit von metaphysischen Bedürfnissen und technischen Erfordernissen einer Zeit und einer Zivilisation ein bestimmtes Maß übersteigt, dann treten zwangsläufig vitale und intellektuelle, soziale und existentielle Schwierigkeiten auf, die echte Gefahren darstellen und unsere intelligible Welt einer beinah tödlichen Dispersion unterwirft. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als in der allgemeinen, öffentlichen Information. Und wir denken einen Moment nach. Dann sagst du, der Zweifel und der Beweis, welche im Verhältnis des Korrektivs zueinander stehen, stellen fundamentale Kategorien unseres Geistes dar. Die Konstruktion der Wahrheit kann nur bewusst rational und in Abkehr von emotionalen und vitalen Bereichen erfolgen – in der vollkommenen Authentizität eines Geistes also, der durch den Zweifel mit dem Mittel des Beweises hindurchgegangen ist.
Ich sage, in einer post- bzw. alternativfaktischen Öffentlichkeit bedarf es also einer Abkehr und Neustrukturierung. Wieder denken wir für ein paar Augenblicke nach. Als ideeller Statthalter einer Einheit von Eros und Vernunft im Hier und Jetzt gilt die Fantasie oder Imaginationskraft, wie sie sich in Kunst, Mythos und Utopie ausdrückt und dort, von gesellschaftlicher Wirksamkeit ausgeschlossen, bewahrt hat, sagst du. Menschliche Wahrnehmung liegt jeglichem Handeln zugrunde. Dabei hat Erkennen es nicht mit Objekten zu tun, denn Erkenntnis ist effektives Handeln. Und indem wir erkennen, wie wir erkennen, bringen wir uns selbst hervor. Indem wir sehen, spüren wir Kühle und Wärme, indem wir hören, machen wir Gleichgewichtserfahrungen, indem wir gehen, schätzen wir die Entfernung der Dinge ab, zum Beispiel. Darüberhinaus finden wir das Wahrgenommene nicht nur sinnlich vor, sondern es ist vielmehr eingebettet in Gefühlssituationen. Unsere Leib ist ein System von Bewegungs- und Wahrnehmungsvermögen, der zugleich kein Gegenstand für ein Ich denke ist, sondern eher ein sein Gleichgewicht suchendes Ganzes erlebt-gelebter Bedeutungen.
Nun scheint sich der Sozialraum Gesellschaft immer weiter im Chaos aufzulösen, während die finale Stufe der technischen Entwicklung, in der diese selbst als gleichwertiges und komplettes Gegenstück zum Menschen auftritt, immer näher rückt. Tröstend bleibt dabei nur die Vorstellung von einem Menschen, der aufgrund der Implosion der elektronischen Technologie sein alphabetisiertes, fragmentiertes Wesen in ein komplexes und tiefgründiges menschliches entwickeln würde, voller Empathie und mit dem Bewusstsein einer gegenwärtig Verflochtenheit aller Bereiche des gesamten Seins.


Wir wissen nicht mehr zu sagen. Wir bleiben lange still.

 

 

[in: Digitalisierung – Industrie 4.0, Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, 2018]